Tome Sandevski ist Programmmanager für Science-Policy Dialog an der Goethe-Universität Frankfurt und Koordinator der fächerübergreifenden Policy-Dialogprojekte der Rhein-Main-Universitäten.
Für das ZWM in Kooperation mit dem Deutschen Hochschulverband (DHV) führt er am 24.09.2026 den Online Workshop „Einführung in die wissenschaftliche Politikberatung: Den Austausch mit Politik und Verwaltung wirkungsvoll gestalten“ durch und bereitet die TeilnehmerInnen u.a. auf deren Mitwirkung an politischen Strategiedokumenten, Fachgesprächen und Anhörungen vor. Sie gewinnen Routine darin, wissenschaftliche Erkenntnisse in Policy Briefs wirkungsvoll zu kommunizieren – mit und ohne Mitwirkung von KI.
Lieber Herr Sandevski, Wissenschaft und Politik, das sind zwei gänzlich unterschiedliche Systeme mit weit auseinanderliegenden Systemlogiken. Wie lassen sich deren VertreterInnen in einen konstruktiven Austausch und Dialog bringen, wo finden diese nach Ihrer Erfahrung gemeinsame Nenner?
Wenn beide Seiten anerkennen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Identifikation von Problemen und der Bewertung möglicher Lösungen eine wichtige Rolle spielen können. Ich sage bewusst „können“, denn beide Seiten müssen zunächst ein Verständnis für die jeweils andere Seite entwickeln. In der Praxis dominiert eine Handlungslogik, in der Wissenschaft hingegen eine Erkenntnislogik – wobei es dabei durchaus Unterschiede zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung gibt. Dafür müssen aber beide Seiten ergebnisoffen und vertrauensvoll miteinander kommunizieren.
Beim Blick auf den gegenwärtigen Wandel der politischen Kultur – nicht nur in den USA: Nimmt die Orientierung der Politik an evidenzbasierter Beratung aus der Wissenschaft tendenziell ab? Entfernen wir uns wieder von den Errungenschaften der Aufklärung und begeben uns in eine neue „selbstverschuldete Unmündigkeit“?
Diese Tendenz beobachte ich bei populistischen Regierungen in den USA und in einigen anderen Ländern. Für den deutschen Kontext kann ich dies jedoch nicht bestätigen: Die Anzahl der Auftragsstudien, Sachverständigenanhörungen, Fachveranstaltungen und Expertengremien nimmt nicht ab. Im Gegenteil – es ist mittlerweile sogar ausgesprochen schwierig, die Vielzahl an Beratungsformaten und Gremien systematisch zu erfassen.
Wie interpretieren Sie das Rollenverständnis von Forschenden in der Politikberatung: Sind sie FaktenfinderInnen, kritische Freunde, ehrliche MaklerInnen?
Die Rollen sind sehr unterschiedlich. Gerade bei der Frage, ob Forschende konkrete Handlungsempfehlungen formulieren sollten, gehen die Meinungen in der Wissenschaft weit auseinander. Letztendlich müssen Forschende für sich selbst entscheiden, ob sie Handlungsempfehlungen geben oder Handlungsoptionen bewerten möchten.
Die Herausforderung verschärft sich, wenn die Politik klare Handlungsempfehlungen erwartet, Forschende diese jedoch nicht leisten wollen oder können, weil sie etwa die politischen Gestaltungsprozesse nicht im Detail kennen. Ein Mitarbeiter eines Ministeriums hat mir einmal gesagt: ‚Wenn ich von WissenschaftlerInnen nur die Fakten und Zahlen, nicht aber Handlungsempfehlungen erhalte, ist das so, als wenn ich mit Knieschmerzen zum Arzt gehe, er ein MRT macht, mir die Aufnahmen in die Hand drückt und sagt: „Hier ist die Analyse. Entscheiden Sie jetzt selbst, wie Sie weiter vorgehen wollen.“ Das hilft mir nicht wirklich weiter.‘
Um solche Missverständnisse und Enttäuschungen auf beiden Seiten zu vermeiden, ist es unverzichtbar, sich vorab offen über das jeweilige Selbstverständnis und die gegenseitigen Erwartungen auszutauschen.
Was ist unverzichtbar in einem „Policy Engagement Toolkit“?
Es gibt eine Vielzahl an schriftlichen und dialogorientierten Formaten. Daher ist ein erster Überblick wichtig. Damit sich Forschende für den Austausch mit Politik und Verwaltung engagieren, müssen sie diesen als gewinnbringend wahrnehmen. Unverzichtbar ist dafür eine Auswahl an Tools, die zu ihren zeitlichen und finanziellen Ressourcen, vor allem aber zu ihren Interessen passen.
Und welche Lektüre hat Sie zuletzt in Bann geschlagen – sei es Fachliteratur oder Belletristik?
Das war Chip Heaths „Making Numbers Count: The Art and Science of Communicating Numbers“. Ich hatte Anleitungen zur grafischen Visualisierung von Zahlen erwartet – im Buch finden sich aber nur eine Handvoll Grafiken. Stattdessen argumentiert Heath, dass Zahlen übersetzt werden müssen, und dass diese Übersetzung sogar ganz ohne Zahlen auskommen kann. Klingt zunächst paradox, ergibt aber anhand der Beispiele Sinn:
Ich könnte etwa sagen, dass der größte Vulkan unseres Sonnensystems, der Olympus Mons auf dem Mars, eine Fläche von 300.000 Quadratkilometern hat und 22 Kilometer hoch ist. Ich könnte aber auch sagen, dass der Vulkan in etwa so groß ist wie Italien und so hoch, dass ein Verkehrsflugzeug ihn nicht überfliegen könnte. Dieses Beispiel stammt aus dem Buch, das ich vor etwa einem Jahr gelesen habe. An den Vergleich mit Italien und die Unmöglichkeit, ihn mit einem Verkehrsflugzeug zu überfliegen, konnte ich mich noch gut erinnern – die Angaben zu Quadratkilometern und Höhe musste ich hingegen gerade nachschlagen.
Ähnlich verhält es sich in der Politikberatung: Am Ende zählt nicht, was Forschende kommuniziert haben, sondern was bei den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung tatsächlich hängengeblieben ist.
Das Gespräch mit Tome Sandevski führte Theo Hafner.