ZWM Alumnae & Alumni Stories Folge 10 Dr. Darius Harwardt

Dr. Darius Harwardt hat nach einem Studium der Geschichte, Biologie und Geographie an der Universität Duisburg-Essen sowie der Ruhr-Universität Bochum in Geschichte promoviert. Er ist aktuell an der TU Dortmund als Förderberater im Referat Forschungsförderung tätig.

2023 hat er den ZWM-Lehrgang für ForschungsmanagerInnen durchlaufen und seit 2023 an sämtlichen bisherigen ZWM-Barcamps teilgenommen.

Darius, Du hast den ZWM-Lehrgang Forschungsmanagement 2023 absolviert – wie steht es mit dem Netzwerk? Hältst Du aktuell noch Kontakt zu den anderen TeilnehmerInnen aus dem Lehrgang? Und wenn ja, wie seid Ihr vernetzt?

Wir haben eine WhatsApp-Gruppe und man ist natürlich nicht mit allen gleichermaßen im Kontakt. Wir treffen uns als „harter Kern“ regelmäßig, ab und zu online, aber auch zumindest ein- oder zweimal jährlich live, entweder auf der Jahrestagung oder eben beim ZWM-Barcamp, das ist auch immer sehr schön.

Dabei war das von vornherein eine gemischte Truppe. Manche sind im Transferbereich, manche sind aus spezifischen Forschungseinrichtungen, etwa dem DKFZ. Die gehen dann andere Wege als diejenigen, die jetzt an der Uni in der Förderberatung sind wie ich zum Beispiel. Aber das ist ja auch völlig normal.


Und wenn Du tatsächlich eine kollegiale Beratung suchen würdest, könntest Du Dich auch an die Gruppe oder an einzelne aus der Gruppe wenden?

Ja, auf jeden Fall, diese Möglichkeit ist da und es ist ja schon beruhigend, im Hinterkopf zu haben, dass ich jederzeit um Rat fragen könnte. Wir tauschen uns auch konkret aus, zum Beispiel zur Beratung von Verbünden, dem Einsatz von KI oder Änderungen der Förderlandschaft. Wenn andere eine Frage hatten, bin ich auch immer darauf eingegangen.


Wie sieht Deine Tätigkeit genau aus? Förderberatung – was sind da zentrale wiederkehrende Elemente, wenn man eine Kurzcharakteristik geben wollte?

Ich arbeite in der Förderberatung im Referat Forschungsförderung der TU Dortmund. Die Förderberatung ist hier eine Abteilung von mehreren: Wir haben eine Abteilung für EU-Projektmanagement und eine für Nachwuchsförderung – Graduiertenzentrum heißt das bei uns – und wir in der Förderberatung sind ein Team von 5 Leuten und beraten alle Forschenden der TU Dortmund zu allen Fragen rund um die Einwerbung von Drittmitteln – von der ersten Idee, der ersten Skizze bis zur finalen Version und der Einreichung. Wir beraten zur Passfähigkeit zu Fördergebern, wir beraten dazu, ob vielleicht andere Fördergeber besser in Frage kommen, ob der Projektzuschnitt funktioniert. Wir lesen die Anträge, wir geben ein Feedback – wir nennen das strategisches Lektorat, also ein überfachliches Lektorat, eine Art Test-Review –, aber wir klären natürlich auch Fragen mit Projektträgern und begleiten langfristig, wenn es etwa darum geht, eine Drittmittelstrategie aufzubauen. Wir beraten teilweise auch ganze Lehrstühle oder Institute, wenn die ein GRK, eine Forschungsgruppe oder sogar einen SFB aufsetzen wollen.

Damit sind wir mehr oder weniger für alle Belange, die die Forschenden beschäftigen, die erste Anlaufstelle und gewissermaßen die Schnittstelle in die Universität. Wir sagen den Forschenden immer, „Wenn ihr nicht wisst, wen ihr fragen sollt, dann fragt erst mal uns; entweder können wir selbst das beantworten oder wir leiten die Anfrage entsprechend weiter.“

Alle, die neu berufen worden sind, laden wir hier an der TU Dortmund zu Begrüßungsgesprächen ein, um uns als Ansprechpartner vorzustellen und die Neuberufenen kennenzulernen. Wir arbeiten eng zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen des Drittmittelmanagements. Die sind dann nämlich für Finanzen, Budget, rechtliche Beratung und so weiter zuständig. Das heißt, bei denen gehen die Anträge über den Tisch, werden dort nach finanzieller und juristischer Prüfung rechtsverbindlich unterschrieben. Wir dagegen sind für die inhaltlich-strategische Beratung zuständig. Zwar gibt es auch bestimmte Prozesse, bei denen das über unseren Tisch muss, zum Beispiel bei DFG-Verbünden oder bei ERCs. Doch ansonsten ist unsere Unterstützung stets ein freiwilliger Service für die Forschenden.

Was vielleicht eine Besonderheit bei uns ist – das haben wir auch bewusst so entschieden: Wir beraten nicht nach Fördermittelgebern, also mit getrennter Zuständigkeit für EU-Projekte, Ministerien und so weiter. Sondern wir sind nach Fakultäten aufgeteilt: Ich bin zum Beispiel für die Raumplanung, Bauingenieure, Humanwissenschaften und ein paar weitere Fakultäten zuständig. Und diese Fakultäten wenden sich immer an mich, gleichgültig von welchem Fördermittelgeber sie Mittel beantragen wollen; das ist unser one face to the customer-Prinzip. Das hat zwar sicherlich den Nachteil, dass ich nicht jeden Sonderfall und Schachzug kenne, wie wenn ich jetzt beispielsweise nur ERCs beraten würde. Der Vorteil, der das allerdings mehr als aufwiegt, ist: Wir entwickeln ein starkes Vertrauensverhältnis zu unseren Forschenden. Ich kenne „meine“ Fakultäten, „meine“ Profs, „meine“ Forschenden und umgekehrt. So erfahre ich dann auch frühzeitig: Was planen die zukünftig, wie kann ich sie noch besser unterstützen? Dieses Gesamtbild, das wir dadurch haben, würde ich auch nicht wieder gegen das alte Modell eintauschen wollen.


Beim Stichwort Fördergeber wollte ich auf eine Erfindung von Dir eingehen: das Förderquartett – da gibt es ebenfalls eine Sortierung nach Fördergebern. Wie kam das Quartett eigentlich zustande?

Ich freue mich sehr, dass das Förderquartetts so viel positiven Zuspruch bekommen hat und weiter bekommt! Ursprünglich war das eigentlich nur eine spontane Idee. Als ich selbst hier angefangen habe, dachte ich: Es gibt so viele Fördergeber, so viele Formate und es ist so schwierig, da einen Überblick zu bekommen und zu vergleichen. Vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, das auf einem alternativen Weg zu vermitteln. Und da habe ich an so etwas wie Autoquartett früher gedacht und überlegt – würde das funktionieren? Also: Wäre es möglich, jeweils ein Förderformat mit groben Kennwerten auf einer Spielkarte abzubilden, so dass man dann beim Nebeneinanderlegen auf einen Blick sehen kann, wer hat die höchste Fördersumme oder wo kann man etwas ableiten. Dann habe ich das erstmal als Prototyp entworfen aber das war nicht viel mehr als so eine Spinnerei – kann man mal machen, ist ganz nett. Ich habe das dann später hier im Team erzählt, dann lag das eine Zeitlang in der Schublade und irgendwann hat unser Leiter der Förderberatung mich angesprochen: „Du hast doch die Idee für dieses Förderquartett gehabt, das ist super, wir müssen das wirklich umsetzen, ich glaube, das kann vielen helfen.“ Dann haben wir das ernsthaft weiterentwickelt – was für ein Design wollen wir, welche Kategorien brauchen wir und so weiter – zunächst für die Nutzung als Workshop-Methode für einige der häufigsten Fragen der PostDocs und Early Career Researcher wie: Wo kann ich denn überhaupt Drittmittel herbekommen, wie bekomme ich einen Überblick, …

Das ist ein mehr als guter Ersatz für immer die gleiche PowerPoint-Präsentation, die in einer knappen Stunde die deutsche Fördermittellandschaft erläutert – und dann merkt man spätestens schon nach einer halben Stunde, das ist eigentlich schon zu viel und die ZuhörerInnen schalten gleich ab. Warum das nicht spielerisch machen, denn im Kern geht es ja darum, ein Gespür dafür zu bekommen, was wollen die verschiedenen Fördermittelgeber, was ist die Förderlogik dahinter und wo liegen die zentralen Unterschiede. Also haben wir diesen Prototyp designt und hier mit Postdoc-Gruppen getestet, und das kam mega gut an, die hatten richtig Spaß und sind darüber auch in Austausch gekommen. Wir haben zudem die Aufgabe gestellt: Wählt doch aus diesen 50 Karten die 20 Karten aus, die Euch für Euren Karriereweg vielleicht am sinnvollsten erscheinen, und dann startete die Diskussion: Die Karte war doch toll oder das war doch ein super Format und das sollten wir doch nehmen. Als nächsten Schritt haben wir das Quartett dann bei einigen Vernetzungsveranstaltungen, u.a. einem ZWM-Barcamp vorgestellt und auch dort war die Resonanz begeistert. Die Frage kam häufig auf: Wo kann man das denn kaufen? Wir haben gedanklich mit verschiedenen Modellen gespielt und uns letztendlich dafür entschieden, Verlag und Vertrieb über den FORTRAMA-Verein als zentrale Vernetzungsinstanz für ForschungsmanagerInnen zu organisieren. Die fanden das supercool, und jetzt kann man das Förderquartett einfach auf der FORTRAMA-Webseite bestellen. Die erste Auflage ist sogar schon ausverkauft, eine zweite aktualisierte Auflage wird 2027 erscheinen – das hat sich toll entwickelt und freut mich auch persönlich ungemein.


Das hat Dir und vielen anderen geholfen, einen Überblick über die Förderlandschaft zu gewinnen. In welcher Form hat Dich dabei dann der ZWM-Lehrgang Forschungsmanagement unterstützt und Dir geholfen, die Aufgaben, mit denen Du Dich täglich befasst, gut zu bewältigen? Welche Inhalte aus dem Lehrgang für ForschungsmanagerInnen, welche Kenntnisse und Fähigkeiten haben sich am nachhaltigsten bewährt?

Der Lehrgang war auf jeden Fall äußerst hilfreich für meine Tätigkeit, weil wir durch unser one face to the customer-Prinzip diesen komplett breiten Blick auf die gesamte Förderlandschaft brauchen. Da hat der Lehrgang alles abgedeckt und wir – meine Kollegin in der Förderberatung und ich haben 2023 zusammen den Lehrgang absolviert – konnten sehr viel Orientierungswissen draus ziehen. Die Trainerin Astrid Schmitz hat auch viel aus ihrer persönlichen Beratungserfahrung berichtet: Wie geht sie mit schwierigen Beratungssituationen um, was sind immer wiederkehrende Anfragen, was sind Strategien, wann sollte man in eine bestimmte Richtung beraten? Wir haben diese Checklisten aus dem Lehrgang auch immer noch und nutzen sie oft. Und auch mit Astrid bin ich immer noch gut in Kontakt, wir sehen uns ja ab und zu auch auf Veranstaltungen.

Was sehr geholfen hat, ist, ein Gesamtbild im großen Rahmen zu bekommen. Ich glaube, es war direkt in der ersten Sitzung, wo wir uns grundsätzlich mit der Entstehung der deutschen Forschungslandschaft befasst haben. Ich bin ja von Haus aus Historiker und von daher hat mich das natürlich besonders interessiert. Wie ist da eigentlich der Werdegang? Was für eine Logik steckt dahinter? Es gibt Universitäten, es gibt außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, es gibt Akademien, es gibt Ressortforschung – und  die ganzen rechtlichen Rahmenbedingungen, Unterschiede, das hat man im Arbeitsalltag zwar nicht immer unmittelbar auf dem Tisch, aber es ist wesentlich, die Logik und den Kontext, in dem man sich bewegt, zu verstehen – nur so hat man dann ja auch einen Gesamtblick über das System hinweg. Das hat mir im Lehrgang sehr viel Spaß gemacht und neue Erkenntnisse gebracht, die sich im Nachgang auch vertiefen lassen. Auf jeden Fall hat der Lehrgang und die Trainerin die fachliche Neugierde befeuert.


Obligatorische Frage: Wie bist Du damals auf das ZWM aufmerksam geworden
?

Das hat sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda fortgepflanzt: Den ZWM-Lehrgang Forschungsmanagement haben hier schon viele durchlaufen; es hieß immer: Den solltest Du als Standardlehrgang machen – da bekommst Du eine echte Rundumabdeckung und lernst alles, was zum Forschungsmanagement dazugehört. Als ich angefangen habe, war ich zunächst befristet angestellt. Später nach der Entfristung konnte ich mich für den Lehrgang anmelden, da war das auch gewollt.


Das heißt auch, Du bist jetzt selbst ein aktiver Teil der Mund-zu-Mund-Propaganda und empfiehlst den Lehrgang weiter?

Auf jeden Fall. Ich empfehle den Lehrgang Forschungsmanagement jedem Interessierten, auch neuen Kolleginnen und Kollegen. Zum einen ist das – wie gesagt – eine Rundumabdeckung von allem, was sie im Forschungsmanagement benötigen. Und zum anderen ist durch Vernetzung und das Fortbestehen der Kontakte aus dem Lehrgang eine unschätzbare langfristige Wirkung mit inbegriffen.


Beratung hat ja auch eine stark kommunikative Komponente. Gibt es da Methoden, um einen guten Draht zum Gegenüber aufzubauen?

Aus meiner Erfahrung heraus kann man das schwer standardisieren. Es gibt immer wieder neue Kontakte, eben einerseits über die Begrüßungsgespräche und andererseits mit Forschenden, die man noch nicht kennt, obwohl man ja auch schon jahrelang an der Universität wirkt. Und darauf muss man sich als Beratender dann individuell einstellen, Vertrauen schaffen, viel zuhören, viele Fragen stellen und auch darauf eingehen, um zu verstehen: Was ist das für eine Person, was ist ihr wichtig, was ist die zentrale Fragestellung, für die sie brennt? Wenn man da nach Schema F verfährt, würde man manche Leute wahrscheinlich verlieren oder einen falschen Eindruck erwecken. Ich leite auch selbst eine Interviewreihe „Spotlight Forschung“ und führe dort die Interviews. Da frage ich zunächst, was sind denn gerade die Themen, die Sie beschäftigen, welches Thema der Disziplin würden Sie in Zukunft am liebsten lösen? Dann bekomme ich ein Gespür für das Gegenüber: wie denkt die Person und wie ist sie zur Wissenschaft gekommen, was für eine Perspektive auf ihre jeweilige Disziplin hat sie; und dann kann man gemeinsam überlegen, wie können wir denn dabei unterstützen, diese Ziele zu erreichen, und was ist aktuell das, was der Forscher oder die Forscherin jetzt am Ehesten braucht: eine konkrete Maßnahme, eine langfristige Strategie, vielleicht auch zunächst ein wenig Zeit, um ein Konzept zu entwickeln… Das klappt eigentlich ganz gut.


Wenn Du heute EinsteigerInnen ins Forschungsmanagement – oder noch weiter gefasst ins Wissenschaftsmanagement – einen oder mehrere Tipps an die Hand geben solltest, was würdest Du als Herangehensweise empfehlen, um sich erfolgreich in dieses Tätigkeitsfeld hineinzubewegen und sich gut zu etablieren?

Ein zentraler Aspekt ist auf jeden Fall die Kommunikation. Man sollte kommunikativ und neugierig sein und auch aus sich herausgehen und fragen, das ist wichtig, denn erstmal ist dieses Themenfeld oft überwältigend. Ich kann mich da gut an meine Anfänge erinnern: Da dachte ich, wie soll ich da jemals einen Überblick bekommen, das ist ja alles so umfangreich und so weiter. Das funktioniert nur, wenn man immer nachfragt, sich mit KollegInnen austauscht und sich Hinweise holt.

Ich habe das große Glück, dass wir in unserem Team hier auch sehr austauschfreudig sind. Da behält niemand Informationen für sich oder gibt seine Expertise nicht weiter. Hier im Team hilft einfach jeder jedem. Die Devise sollte sein – und das muss mit der Persönlichkeit übereinstimmen – ich helfe anderen weiter und es gibt eigentlich keine dummen Fragen, denn Formate und Bedingungen ändern sich laufend und jede Beratungssituation ist individuell und kann unterschiedlichste Voraussetzungen und Rahmenbedingungen haben.
Also, mit anderen sprechen, sich austauschen, kommunikativ sein und immer Fragen stellen und Dinge hinterfragen. Dann hat man eigentlich eine gute Ausgangslage, um sich allen Problemen und Herausforderungen, die kommen, stellen zu können.


Jetzt als mittlerweile „alter Hase“ im Metier – was lässt heute noch Deine Augen aufleuchten, wenn Du Dein Büro betrittst, Worauf an Deiner Tätigkeit freust Du Dich besonders? Oder anders gefragt: Bei welchen beruflichen Aktivitäten entladen sich Deine Akkus nicht, sondern laden sich im Gegenteil auf?

Was mich am meisten motiviert: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich anderen Leuten wirklich helfen kann. Und dass die froh sind, diese Unterstützung zu bekommen. Das ist einfach das Schönste: Wir haben eben nicht nur dieses ganze sehr spezifische Wissen, das wir uns angeeignet haben, sondern wir wollen und können das anderen weitergeben, die genau dieses Wissen benötigen, um ihre Forschung voranzubringen. Beispielsweise gerade bei Personen, die neu ins akademische System kommen, Early Career Researchers oder ProfessorInnen, die zum ersten Mal ein neues Format beantragen wollen. Und wenn wir diese Person beraten, gibt es häufig so einen Aha-Effekt, es macht Klick. Und wenn es vielleicht nicht beim ersten Mal klappt, dann eben beim zweiten oder dritten Versuch. So werden wir FörderberaterInnen selbst Teil dieses Erfolgswegs und helfen dabei, erfolgreich Projekte einzuwerben. Und das ist eigentlich das Schönste, weil wir dann natürlich das Gefühl mitnehmen, Teil eines größeren Ganzen zu sein und unseren Forschenden bei ihrer Aufgabe wirklich weiterhelfen zu können.


Wie hat sich Deine berufliche Reise von der Promotion bis zur jetzigen Tätigkeit gestaltet? Die Wege können ja manchmal direkt sein oder auch verschlungener.

Nach meinem Studium der Geschichte und Biologie – eigentlich ursprünglich auf Lehramt, später kam dann noch Geografie dazu – habe ich an der Universität Duisburg-Essen in Geschichte promoviert und das war auch eine tolle Zeit. Danach stand ich vor der Frage, wie weiter? Entweder alles darauf setzen, eine Professur und einen Lehrstuhl zu bekommen oder nach Alternativen suchen. Professuren gibt es nicht so häufig und sie erfordern sehr viel Flexibilität und auch räumliche Mobilität. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon eine Familie mit zwei Kindern, war dadurch ein gutes Stück lokal gebunden und habe nach einer langfristigen Perspektive jenseits der Professur gesucht. Die TU Dortmund hatte zu dem Zeitpunkt eine Stelle für Projektmanagement im EU-Bereich ausgeschrieben – zur Hälfte Förderberatung und zur Hälfte EU-Projektmanagement – darauf habe ich mich beworben und hatte dann das Glück, in dieses gerade aufwachsende Team hier reinzuwachsen. Das Referat Forschungsförderung ist damals gerade erst neu entstanden. Ich habe dann später vom EU-Projektmanagement in die Förderberatung gewechselt. Und gemerkt, das ist eigentlich super, weil dabei ein interdisziplinärer Blick und vielfältige Interessen gefordert sind und man sich immer wieder neu auf die Bedarfe von verschiedenen Disziplinen und Forschenden einstellen muss. Ich wusste früher gar nicht, dass es dieses Berufsfeld in dieser Ausprägung gibt und was genau man da macht, aber jetzt, wo ich meinen Platz hier gefunden habe, ist es wirklich ein Traumberuf.


Lektüre muss sein: Welche Bücher und welche Fachzeitschriften empfiehlst Du? – das kann Belletristik sein oder auch ein Fachbuch. Wir freuen uns auf Deine Anregungen.

Also, ich bin sehr literaturaffin. Das ist in meiner Promotionszeit der Geschichtswissenschaft allerdings komplett durch tausende Seiten Fachlektüre, Quellen, … absorbiert worden. Erst nach der Promotion habe ich dann wieder entdeckt, wie schön es ist, einfach aus Freude und Interesse zu lesen. Ich lese eher Bücher als Zeitschriften. Es kommen so viele spannende Bücher raus von so vielen fantastischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, dass ich da schon nicht hinterherkomme, die zu lesen. Neulich habe ich „Triggerpunkte“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser gelesen. Und von Andreas Reckwitz zur historischen Soziologie „Das Ende der Illusionen“. Ich schreibe aber als Hobby auch selbst Romane im Fantasy-Genre – jetzt schon eine ganze Weile und in diesem Jahr wird wahrscheinlich auch der erste Roman von mir veröffentlicht; selbst lese ich auch sehr gerne Romane – zuletzt hat mich „Babel“ von R. F. Kuang beeindruckt, der ja auch stark im akademischen Umfeld mit großen politisch-gesellschaftlichen Themen spielt und mit fantastischen Elementen vermischt ist.


Darf man fragen: Womit beschäftigt sich Dein Roman? Oder ist das noch top secret?

Nein, das ist kein Geheimnis. Ich werde den Roman im Selbstverlag veröffentlichen. Es wird eine Fantasyreihe sein, im Prinzip High-Fantasy, so wie man das von „Herr der Ringe“ und anderen kennt. Da geht es um politische Auseinandersetzungen, um ein Reich, wo Magier die Herrschaft übernommen haben und eine technokratische Kontrolle über die Menschen ausüben, gleichzeitig aber auch die Magie zum Nutzen aller weiterentwickeln wollen. Und daneben gibt es ein verfeindetes religiös geprägtes Königreich, das zum Krieg rüstet, um die ehemalige Provinz zurückzuerobern. Und dann gibt es noch (das gehört wohl zum Fantasy-Genre dazu) eine Bedrohung, die langsam im Hintergrund erwächst, allerdings lange Zeit unbeachtet bleibt und vielleicht noch große Auswirkungen haben wird.


Darin erkennt man wieder Deine Herkunft als Historiker. Dazu noch eine letzte Frage: Was war Thema Deiner Promotion?

Ich habe mich mit Amerikabildern deutscher Rechtsintellektueller in der Bundesrepublik beschäftigt. Es ist eine Ideengeschichte des Rechtspopulismus oder des Rechtsintellektualismus, wenn man so will. Also ein sehr aktuelles Thema, muss man sagen. Dafür habe ich sehr viele konservative, rechtsintellektuelle, auch rechtsextreme Blätter, Zeitschriften, Zeitungen, usw. gelesen und versucht, in diese Ideenwelt einzudringen und zu verstehen, was beschäftigt diese Leute, was wollen die? Es steckt mehr dahinter, als man sich vielleicht vorstellt. Wie blicken die AutorInnen auf Amerika, inwiefern ist Amerika für sie eigentlich ein Sinnbild für entweder den Erzfeind – wegen Liberalismus und Demokratie – oder vielleicht auch ein Vorbild, wegen Patriotismus, Militarismus und einem gewissen Nationalstolz, den manche auch hier in Deutschland wieder etablieren wollen.
Das sind sehr spannende Diskurse, die uns auch heute noch beeinflussen.

Vielen Dank für das anregende und interessante Gespräch!

Das Interview führte Theo Hafner.

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